Der Kopf und die (digitale) Welt

By cjg on 7. Juni 2020 — 1 min read

Gibt es ein richtiges Leben im digitalen? Die Variation des berühmten Adorno-Satzes ist kein Versehen, und zweierlei verdient Betrachtung. Zunächst schimmert eine Art Schmerz durch, ein entfremdetes Leben zu führen, und zusätzlich schwingt die mehr oder minder resignativ gefärbte Ahnung vieler Konstitutiva mit, die unsere Wirklichkeit bestimmen.
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Das zweite Problemfeld der zahllosen Übersteuerungen des eigenen Lebens hingegen tangiert die Binnensphäre des cartesianischen Individuums und zeigt sich in einer subjektzentrierten Autonomie-Erzählung oder aber im trotzigen Widerstand gegen sie. Seit einigen Jahrzehnten scheint eine Facette dieses ideengeschichtlichen Dualismus besonders deutlich durch. So hatten zumeist neomarxistische Postmoderne den Subjektmodus aktualisiert, indem sie einengende Strukturen zu Einzelknoten eines Netzes umdeuteten und im Knotenspringen die Freiheit sahen, keinen linearen Erzählungen mehr folgen zu müssen. Dieses Themenfeld werden wir in der Folge skizzieren und einordnen, denn es führt geradewegs ins digitale Milieu.
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Die Kybernetik vermag also den Übertritt der Weltverhältnisse in die Rechenmaschinen vorzubereiten bzw. metamorphiert geradezu die »tat-sächliche« Realität in ihren binären, virtuellen Schein. Das Prozedere hierzu bezeichnen wir als Digitalisierung. Scheinhaft, besser: künstlich, wird dann notwendig auch die Bedingung der Möglichkeit der Anschauung, und es entsteht eine Art »kybernetisches Apriori«.
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Vor Jahrzehnten kannte man noch keine 3D-Drucker. Diese erzeugen mittels pulverisierter Stoffe digitale Bilder dreidimensional in der tatsächlichen Welt. Damit ist der ehemals göttlich-ideenhafte, nun menschlich-entwerfende Kreislauf geschlossen. Der aktualisierte Aristotelismus hat kein Problem mehr mit der Schein- bzw. Mangelhaftigkeit der Welt, denn die Form kann zu einer konkreten Gestalt werden. Das Ringen um die Wahrheit weicht dem Ringen der Einbildner um die Macht.
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Erschienen: TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Sommer 2020, S. 101-104