Wanderungen im Ge-Stell: Der Weg zur Ruinenstadt

By cjg on 18. Mai 2021 — 6 mins read

Heute begleite ich Horst Lange ein Stück seines Weges nach Moskau und zurück bis in den Untergang. Leicht melancholisch ist er, manchmal zornig, aber nie ganz hoffnungslos. Trotz seines Schicksals. Er ist sich sicher, dass im Ende auch ein Anfang keimt. In seinem Denken spiegelt sich etwas. Ganz aus der Ferne. Für die Anderen nicht zu sehen. Die Anderen, die verstrickt sind und wie besinnungslos. Die Anderen: lebendig, aber nicht lebend, weltfremd und geistig haltlos. Kinder ihrer Zeit. Heute nicht viel anders. Das kann Horst aber noch nicht wissen. Ich lasse ihm die Hoffnung.

6. Oktober 1941: durchfrorene Nächte und nur noch Weite – neben uns, hinter uns, vor uns und über uns. Im Angesicht – aber von was? »Wir scheinen auf das Bedingende zu blicken und nicht mehr nur auf die Bedingungen.« Ja, sagte er heiser: »Kahl und unwirtlich und ohne die mindesten Spuren der Geschichte. Unberührt und wahrscheinlich auch unberührbar. Unersättliche, rohe, barbarische Erde. Sie stumpft die Menschen ab und macht sie im höchsten Maße gleichgültig, indem sie ihnen jede Initiative nimmt und dem Wirken der Natur aussetzt.«

Lebendig sind wir in diesem Moment, aber gewissermaßen auch tot, weil außerhalb der Kultur. Gegenüber einer Art nackten Natur. Die moderne Initiative und zugehörig die Initiative zur Moderne, entspringt offensichtlich der Kultur. Wie dicht hier auch die Sphäre der Politik angesiedelt ist, ist beim Vormarsch auf Moskau offenkundig. »Horst, existieren wir tatsächlich nur noch in der Kultur – entfremdet, abgelenkt? Tragen wir unsere Habitate im Denken und Handeln stets mit uns – wie Tiefseetaucher oder Kosmonauten?« Schweigen.

Drei Tage später nehmen wir den Gesprächsfaden wieder auf. „Sieh nur auf die bolschewistische Propaganda«, hebt er an: »Ohne jeden Schwung von Revolutionselan. Fortschrittsglaube, Technifizierungswahn. Der aufgeklärte, vom allgemeinen Wohl befleckte und gleichgehobelte Puppenmensch. Massenware.«

»Aber wir sind doch kaum anders«, entgegne ich. »Da, unsere Puppenmenschen« Horst folgte meiner Geste: »Der unaufhörliche, nie abreißende Strom unseres Nachschubs. Der spürbare Betrieb und Ablauf der bis ins einzelne durchorganisierten Nachschubmaschinerie.« Puppenmenschen also. Allerorten, auch bei den Kameraden. Es gab nie einen Umbruch zum Geist in Deutschland. Nur eine vorübergehende Variante der Fortsetzung des Materialismus mit den Mitteln der Politik.

Am 5. Dezember wird Horst einen ähnlichen Gedanken haben: »Der angebliche Idealismus unserer Tage ist nicht tief in die Masse herabgesunken, er schwimmt an der Oberfläche, wie eine trügerische, dünne Ölhaut, welche den himmlischen Schwung und Glanz des Regenbogens nachahmt. – Stolz auf die Zivilisation [= elektrisches Licht, Autos, Straßen, Häuser, Bahnen, – also alles Technische!]«. 

Zurück zum 26. Oktober. Unser Krieg kann nur mit Habitaten funktionieren. Was sind unsere Lager, Geschütze, Stellungen und Frontlinien anderes als Räume der Konstruktion? Was anderes als Räume, die wir errichten und mit Zeitlichkeit befüllen? Ganz so wie aufgeblasene Luftballone. Im Denken sieht es nicht anders aus. Intellektuelle Habitate. Posten, vorgeschoben in das Bedingungslose. Alles Gewaltakte. Wie hatte Benn so schön gesagt: die formfordernde Gewalt des Nichts.

Horst erinnert sich an biographische Spuren der Kameraden. Sie passen ins Bild: Luftballonbefüller. Zum Beispiel der Autolackierer, der nachrechnet, schon 4.000 km marschiert zu sein. »Entwurzelte Soldaten. Heimatlose Männer, die nachher nicht wissen werden, wo sie sich einfügen sollen.« Seine Prognose wird sich bewahrheiten.

Am 13. Dezember erscheint einer seiner Briefe aus dem Felde in der Frankfurter Zeitung. Die russischen Bauern stehen mit einem Bein im Anderen, sind noch offen für das Bedingende: „Da hing noch die Mütze am Nagel, dort hing noch ein Familienbild an der Wand, erstarrte Gebärden, Bügelfalten sogar, Zöpfe um die stumpfen Frauengesichter geflochten, steife Seidenblusen, erfrorene Augen, in denen der Schreck vor der Apparatur und eine kindliche Neugierde sich mischten.“ Horst erwähnt auch die vielen Bauern, die zu unseren Feldgottesdiensten kommen. Wiederum Habitate im Angesicht der Allgegenwart. „In der Seele dieses Volkes muß ein unheilbarer Zwiespalt herrschen.“ Ganz sicher, denke ich.

Wir sehen uns erst am 4. Oktober 1944 wieder und streifen durch Berlin. Horst hat ein schlimmes Auge. Holzsplitter waren in sein Gesicht geschlagen. Die Auseinandersetzung mit der Niederlage ist unausweichlich. Wir versuchen, die Gewöhnung abzustreifen. Die Dinge sollen so klar erscheinen, wie sie sind. »Unterwegs in der Ruinenstadt […]« Horsts Stimmung wird zunehmend düster. »Die Zerstörung ist wie eine Art von Aussatz, der weiter und weiter frisst. Man verliert ganz und gar seine Beziehung zu den vernichteten Vierteln, in denen man früher oft gewesen ist.« 

Genauso schlimm ist für ihn aber die Bemühung um Normalität. »Eine Ruinenstadt, die verlassen ist, bewahrt weitaus mehr von der Wirklichkeit des vergangenen Lebens als dieses Berlin, in dem alles weiter geschäftig ist und durch seine Geschäftigkeit den gegenwärtigen Zustand verleugnet.« Mir ist in diesem Moment nicht ganz klar, worauf er hinauswill.

Erst am 19. Dezember verstehe ich es – unserem vorletzten Treffen, wie sich herausstellen wird. »Horst, erinnere Dich an die Puppenmenschen auf dem Weg nach Moskau. Sie waren auch immer schon hier. Wir sind fleißig bei der Wiederaufrichtung von Surrogaten formfordernder Gewalt. Berlin darf genau deshalb keine tatsächliche Ruinenstadt sein. Ist das Dein Problem?«

Er sieht durch mich hindurch. »Kein einziger machtvoller und erlösender Gedankengang, der noch einmal die auseinanderfallenden Kräfte dieser Zeit zusammenfassen und zu einer Einheit umwandeln könnte […]« Horst spricht im Anschluss von den Götzen unserer Zeit; zum Beispiel der Geschichte. Sie gaukelt uns einen Absolutheits-Ersatz vor, obwohl sie doch bloße Erzählung ist. »Was denkst Du, welche Götzen braucht der Puppenmensch?«, flocht ich ein und bekam daraufhin eine Generalabrechnung mit der Moderne zu hören.

»[…, Der Mensch] hat sich zu einer Ziffer, einem Teil einer riesigen Maschine erniedrigen lassen, die genauso weiterlaufen wird, wenn er nicht mehr dasein wird, – die sich um seine Nöte und sein Wohlergehen nicht kümmert, ihn benützt, ihn „auswertet“ und, wenn er nichts mehr Wert ist, wieder wegwirft.« »Du machst das am Sozialismus fest?« Er nickte.

»Diese utilitaristischen und materiellen Zwecke kennzeichnen die sozialistischen Auffassungen vor allem. Nützlichkeit, Verwertbarkeit und flache, hintergrundlose Klassifizierung des einzelnen im Hinblick auf seinen der Allgemeinheit dienstbaren Zweck: gleiche Nahrung, gleiche Kleidung, gleiche Wertung und zwar nach den niedrigsten Maßstäben! […] Der Sozialismus ist die Quittung auf die Industrialisierung […] Sozialismus=Aberglaube ohne Dämonie!«

»Aber die andere Seite derselben Medaille ist doch der Kapitalismus. Nehmen wir nur die Technik. Armeen bestehen mit und durch Waffentechnik. Man darf die Wechselwirkung nicht vernachlässigen. Irgendwann bedient die Maschine dich und nicht umgekehrt. Die Technik erweitert und begrenzt den Horizont gleichermaßen. Nicht nur den der Handlung, auch das Denkgeschehen dahinter.«

Klare Zustimmung in seinen Augen. »Auf allen Bemühungen des Menschen um Unabhängigkeit von seinem natürlichen Gebundensein liegt ein Fluch. Der Mensch will Macht haben, – das ist der Urgrund des Unsegens, den die Technik immerfort spürbar werden lässt […] Fetischismus in der Vorliebe des Menschen für Maschinen. Götzenanbetung vor Flugzeugen, Autos, Radio-Apparaten!“

Am 4. März 1945 sehe ich Horst das letzte Mal. Niemals werde ich sein Aurel-Zitat vergessen: „Die einzige Art, sich zu rächen: ihnen nicht gleichen!“ Er verabschiedet sich und im Weggehen höre ich kaum vernehmbar: »Man muß sich das als Leitsatz nehmen.«

Die fiktiven Gespräche basieren auf: „Horst Lange: Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg; Neustadt/Orla: Arnshaugk; 2012“.

Erschienen: Online-Kolumne bei TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung

WANDERUNGEN IM GE-STELL

Architektur: von der Königin der Kunst zum binärkodierten Bild innerhalb von Rechenmaschinen. An einer ehemaligen Zunft lässt sich der Siegeszug der Kybernetik trefflich nachzeichnen und zugehörig die bedingungslose Kapitulation vor dem Sachzwang des Ge-Stells. Diese Kolumne wird Spaziergänge auf den Schlachtfeldern der Moderne dokumentieren. Sie wird kriegsgeschichtliche Beispiele referieren, Operationspläne, taktische Skizzen, Munitionsreste und Waffensysteme sichten, Trümmer betrachten oder auch versprengte Stoßtrupps zu Wort kommen lassen.

https://www.tumult-magazine.net/post/christian-j-grothaus-wanderungen-im-ge-stell-der-weg-zur-ruinenstadt